[Zitat]" Ein Bischof fand sie "schlimmer als die Atombombe", die SPD wollte sie noch vor 20 Jahren teils unter Strafe stellen. Die Künstliche Befruchtung ist dennoch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Von Peter Praschl

 

Foto: Getty Images "Die Entstehung jedes Kindes geht auf ein Spermium, eine Eizelle, eine Gebärmutter, ein Zuhause zurück", sagt Kim Bergman, die Gründerin einer kalifornischen Leihmutter-Agentur: "Was Eltern und Familien ausmacht, ist allein das Zuhause"


Quelle:

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126426539/Kinder-sind-Kinder-einerlei-wo-sie-herkommen.html

Wie erfolgreich Aufklärung gewesen ist, merkt man an der Befremdung, die sich jedes Mal einstellt, sobald jemand eine von ihr abgeräumte Position vertritt. Als es die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff Anfang März drängte, öffentlich ihren Abscheu vor den "Halbwesen" kundzutun, die nicht durch Geschlechtsverkehr gezeugt wurden, schlug ihr mehr noch als Empörung Fassungslosigkeit entgegen: Wie kann jemand, der immerhin mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, so hoffnungslos aus der Zeit gefallene Empfindungen haben? Wie kann man 2014 so bösartig und verstockt fühlen?

Das Erstaunliche dabei: Bis vor Kurzem waren Lewitscharoffs Auffassungen mehrheitsfähig. Noch Anfang der Neunzigerjahre wollte die SPD-Fraktion im Bundestag die heterologe Insemination – also die künstliche Befruchtung durch das Sperma eines Dritten – unter Strafe stellen und lehnten die Grünen in einem Entschließungsantrag die Durchführung von In-vitro-Befruchtung und Samenspende kategorisch ab.

Wie die Kirchen lange über künstlich statt sexuell herbeigeführte Empfängnis gedacht haben, wird aus einer Invektive des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle deutlich, der 1978 die Zeugung eines Retortenbabys für "schlimmer als die Atombombe" erklärte.

Himmler durchzuckte derselbe Ekel wie Lewitscharoff

Die Scheu und die Abschau, die sich in solchen Äußerungen zu erkennen geben, werden oft als Reaktion auf die Menschenzucht-Fantasien der Nationalsozialisten interpretiert. Historisch ist das nicht wirklich korrekt. Was künstliche Befruchtung betrifft, durchzuckte etwa Himmler derselbe Ekel wie Lewitscharoff.

1942 wandte er sich entschieden gegen das Vorhaben, die Erhöhung der Kinderzahl auch durch "Einbeziehung der künstlichen Befruchtung" voranzutreiben: Er habe "die feste Überzeugung, dass diese früher oder später zu Entartungen bei der Nachzucht und wahrscheinlich zur Impotenz oder Sterilität führen wird".

In seinem fulminanten Buch "Kinder machen" lässt Andreas Bernard nun noch einmal auch jene Stimmen zu Wort kommen, die sich lange aus ideologischen Gründen oder aus Besorgnis gegen jede Variante der künstlichen Befruchtung wehrten und mittlerweile fast schon verstummt sind. Bernard erzählt materialreich, souverän argumentierend und sprachlich brillant eine faszinierende Geschichte: Innerhalb weniger Jahrzehnte gelingt es der Menschheit, nicht nur Fortpflanzung von Sexualität völlig zu entkoppeln, sondern auch, diese Emanzipation von einer Naturbedingung erstaunlich zügig kulturell zu verarbeiten.

Kann ein Kind zwei Mütter haben?

Dass zur Erzeugung eines neuen Menschen nicht mehr der geringste Rest sexueller Aktivität seiner biologischen Eltern nötig ist, dass ein einziges Baby gleich drei Mütter (die Eizellenspenderin, die Tragemutter und die soziale Mutter) und zwei Väter (den Samenspender und den sozialen Vater) haben kann, verwirrt das zeitgenössische Bewusstsein nicht mehr.

Erst wenn man Kinder darüber aufzuklären versucht, woher Babys denn nun kommen, und sich dabei fragt, ob man es bei der Geschichte von Mama und Papa bewenden lassen kann, fällt einem auf, wie erstaunlich das alles ist – und wie verwunderlich, dass Menschen damit sehr gelassen umgehen.

Bernard erinnert ja daran, wie schwer es gewesen sein muss, die neuen Möglichkeiten von Befruchtung zum Zeitpunkt ihrer Entstehung in ein Bewusstsein zu integrieren, das sich mit sehr vielen sehr unerwarteten Fragen auseinandersetzen musste. Zum Beispiel, ob es Ehebruch ist, wenn eine Frau sich mithilfe eines Arztes vom Samen eines Mannes befruchten lässt, der nicht mit ihr verheiratet ist. Oder ob ein Kind zwei Mütter haben kann. Oder ob es einem Kind zumutbar ist, wenn man es im Unklaren über seine biologische Herkunft lassen muss, weil sie mit Bedacht verschleiert wurde.

Intimer als Sex

Bei seiner Rekonstruktion der Diskurse über die Methoden der assistierten Empfängnis (Samenspende, Leihmutterschaft, In-vitro-Befruchtung) stößt Bernard immer wieder auch auf deren Widersprüchlichkeiten. Einerseits wird bei der Auswahl der Zeugungsstoffe (etwa in Samenbanken) großer Wert auf deren genetische Exzellenz gelegt; andererseits ist etwa die Bereitschaft, sich durch heterologe Insemination befruchten zu lassen, auf die Überzeugung angewiesen, dass Verträge und Allianzen wichtiger als Deszendenz sind.

Einerseits können die Methoden assistierter Empfängnis auf traditionelle Vorstellungen von Intimität verständlicherweise keine Rücksicht nehmen (schließlich sind am Kindermachen Dritte und medizinische Prozeduren beteiligt); andererseits müssen Paare, die durch künstliche Empfängnis zu Eltern werden, oft viel intimer miteinander kommunizieren als jene, die es beim Sex einfach darauf ankommen lassen.

In den USA findet die gesellschaftliche Selbstverständigung darüber, wie man mit den neuen Gegebenheiten umgehen soll, häufig rund um spektakuläre Gerichtsprozesse statt, in denen Grundsatzurteile gefällt werden (zum Beispiel: Was ist einer Leihmutter zumutbar, und welche Zumutungen sind sittenwidrig?), in Deutschland werden die Fragen, um die es dabei geht, eher in der Politik und in den Medien verhandelt. Wie auch immer: Die Gesellschaft reagiert erstaunlich schnell und angemessen ernsthaft. So hat die Anerkennung des Rechts jedes Menschen, seine biologische Abstammung zu kennen, zu einer Archivpflicht für Samenbanken geführt.

Fortschritte der Empathie

Am bemerkenswertesten aber ist, wie rapide und wie nachhaltig sich in der Gesellschaft die moralischen Einstellungen und die Empfindungen zu künstlicher Empfängnis verändert haben. Bernards Buch erzählt auch die Geschichte einer Selbsterziehung der Herzen: In der Gegenwart fällt es kaum jemandem schwer, keine Unterschiede zwischen auf altmodische Art gezeugten oder auf neumodische Weise zum Leben erweckten Kindern zu machen. Kinder sind Kinder, einerlei, wie sie zustande gekommen sind, Familien jene Bündnisse, die Kindern ein Zuhause geben.

Was die Gründe für die Neujustierung der Empfindungen und die Ausweitung von Empathie sind, erfährt man bei Bernard nicht. Er ist ein großer Erzähler, ein seismografischer Beobachter gesellschaftlicher Mentalitäten, ein hervorragender Analytiker an den Schnittstellen von Wissenschaft und Gesellschaft, aber er spekuliert nicht. Vielleicht haben die Fortschritte der Empathie und der Moral, von denen sein Buch berichtet, ja mit dem Umstand zu tun, dass die neuen Prozeduren des Kindermachens etwas sind, das Einzelne sich als Waren und Dienstleistungen kaufen können, und nichts mit staatlichen Zuchtprogrammen und ähnlich unangenehmen Utopien zu tun haben.

Menschen, die sich für assistierte Empfängnis entscheiden, haben keine andere Absichten als jene, die zu ihren Kindern kommen, indem sie miteinander ins Bett gehen: Sie wollen Babys machen, Familien gründen. Sie sind unseresgleichen. Ihre Kinder sind es auch.

09.04.2014 | 2867 Aufrufe

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